2.2.5  Fliegen und Gesundheit

 

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper ist eine alte griechische Weisheit. Wer sich fit und wohl in seiner Haut fühlt, fliegt besser, ist wacher und reagiert schneller. Sich fit zu fühlen, kann man erreichen durch: ein korrektes Gewicht, mindestens dreimal pro Woche 20 Minuten Sport, wenig Stress und guten Schlaf, gesunde Ernährung, nicht rauchen und nicht mehr als mäßigen Alkoholkonsum.

Bei der Flugtauglichkeitsuntersuchung wird geprüft, ob du in der Lage bist, sicher zu fliegen. Eine solche Untersuchung ist in der Regel jahrelang gültig, sagt aber nichts darüber aus, ob du tauglich bist, an einem bestimmten Tag zu fliegen. Das bestimmst du am Tag des Fluges. Bist du heute flugtauglich (körperlich und geistig fit und nicht massiv stressbeladen) oder wäre es klüger, heute etwas anderes zu tun?

Abb. 2.2.5.1 IM SAFE CHECKLISTE

Abb. 2.2.5.1  I'M SAFE Checkliste

Fliege nur, wenn du dich fit fühlst

Ein Segelflugtag in angenehmer Atmosphäre kann sehr entspannend sein und ist ein hervorragendes Mittel, um Stress vorzubeugen. Die meiste Zeit lässt man die täglichen Probleme bei der Arbeit los und man schläft nach einem Tag mit Segelfliegen wie ein Murmeltier. Segelfliegen kann man bis ins hohe Alter betreiben, aber in jedem Alter sollte man nur fliegen, wenn man sich fit fühlt. Müdigkeit, Stress und Krankheit beeinträchtigen die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und auch das Sehvermögen. Wenn einer der Punkte des I'M SAFE-Checks auf dich zutrifft, solltest du an diesem Tag auf das Fliegen verzichten. Im Zweifelsfall nicht fliegen!!

Erkrankung

Wenn du krank bist und nicht zur Arbeit gehen kannst, darfst du keinesfalls fliegen.

Krankheit beim I'M SAFE CHECK bezieht sich eher auf Zustände, bei denen du noch arbeitsfähig bist, aber aufgrund deiner eingeschränkten Leistungsfähigkeit nicht mehr fliegen solltest.

Erkältungen

Bei Erkältungen und Heuschnupfen schwellen die Schleimhäute in Nase und Rachen an. Bei Erkältungen und Heuschnupfen gelingt es häufig nicht, den Druckunterschied zwischen Innen- und Außenohr auszugleichen (abzubauen). Beim Aufsteigen entweicht manchmal Luft aus dem Mittelohr über die Eustachische Röhre, aber beim Absteigen kann sie nicht entweichen (Luft durch die Eustachische Röhre ins Mittelohr nachströmen lassen). Dies führt zu einer vorübergehenden Hörminderung. Ist der Druckunterschied groß, führt dies zu starken Schmerzen und manchmal zu einem Platzen des Trommelfelles. Wenn ein Ohr frei wird und das andere nicht, entsteht ein heftiges Schindelgefühl.

Weitere Hinweise hierzu findest du im Kapitel 2.2.3 Hör- und Gleichgewichtssinn in den Abschnitten zur Eustachische Röhre und  zum Druckausgleich.

Im Falle einer Erkältung gilt: Nicht fliegen!

Gastrointestinale Störungen

Bei gastrointestinalen Störungen kommt es zu einer beschleunigten Passage der Nahrung und zur Ansammlung von Gasen. Wenn du in der Thermik aufsteigst, gelangst du in eine Umgebung mit einem niedrigeren Druck. Die Gase in deinem Magen dehnen sich noch mehr aus. Dies kann zu Bauchkrämpfen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen. Dies macht dich untauglich, ein Segelflugzeug zu fliegen.

Medikamente

Wenn du Medikamente gegen Grippe, Erkältung und Heuschnupfenbenötigst, zeigt dies, dass du krank bist. Und wenn du krank bist, gilt der I'M SAFE-Check. Schlaftabletten, Beruhigungsmittel und Antihistaminika haben eine betäubende/narkotisierende Wirkung und sollten nicht verwendet werden, sie machen in aller Regel fluguntauglich. Selbst nach 8 bis 15 Stunden ist oft die Hälfte der Dosis noch im Körper und du darfst nicht fliegen. Jedes Medikament hat eine Wirkung und eine Nebenwirkung. Freiverkäufliche Medikamente wie Aspirin unterdrücken die Beschwerden vorübergehend und geben dir das Gefühl, dass du fit genug zum Fliegen bist, aber sie bekämpfen nicht die Ursache. Nach einer zahnärztlichen Narkose solltest du mindestens 48 Stunden warten, bevor du wieder alleine fliegst. Im Zweifelsfall solltest du nicht fliegen oder einen Arzt um Rat fragen.

Alkohol und Drogen

“Eight hours between the bottle and the throttle". "Acht Stunden zwischen der Flasche und dem Gasgeben", lautet eine alte Flieger-Regel, die früher für sehr mäßigen Alkoholkonsum galt. Nun, nach europäischem Recht, müssen mindestens 10 Stunden dazwischen liegen. Militärpiloten dürfen 24 Stunden vor dem Flug keinen Alkohol konsumiert haben. Alkohol vermindert die Konzentrationsfähigkeit. Das Denkvermögen, die Wahrnehmungsfähigkeit und die Gedächtnisleistung sind reduziert. Du bist weniger in der Lage, deine Aufmerksamkeit zu teilen. du bist wesentlich schneller unter Stress, reagierst empfindlicher auf Sauerstoffmangel und bist weniger gut in der Lage, hohen G-Kräften standzuhalten. Außerdem besteht eine deutlich erhöhte Neigung Risiken zu unterschätzen.

Wer nach Alkoholgenuss ins Auto steigt, macht sich ab einem Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille (bei Unfällen bereits ab 0.3 Promille) strafbar. Beim Fliegen muss der Alkoholspiegel kleiner als 0,1 Promille sein. Warum dieser Unterschied? Ein Standardglas Wein oder Bier ergibt einen Alkoholgehalt von 0,2 Promille im Blut. Ein Glas ist also schon zu viel. In einer Höhe von 2000 Metern hat ein Bier die Wirkung von drei Gläsern Bier, wegen des geringeren Sauerstoffdrucks. Nach einer durchzechten Nacht ist am nächsten Morgen nicht der ganze Alkohol aus dem Körper verschwunden, der Restalkoholspiegel ist sicher noch > 0,1 Promille. Die Auswirkungen des Katers werden sich während des Fluges aufgrund des niedrigeren Sauerstoffdrucks und der Bewegung des Flugzeugs nur noch verschlimmern, und das bedeutet Ärger.

Der Gebrauch von weichen Drogen/Medikamenten beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit beim Fliegen. Reaktionsgeschwindigkeit und Urteilsvermögen werden negativ beeinflusst. Auch hier wirkt sich die Abnahme des Sauerstoffdrucks mit zunehmender Höhe verstärkend auf die Nachwirkungen von Medikamenten aus. Die Reaktionen auf Medikamente und die Zeit, die sie brauchen, um zu wirken, sind von Person zu Person unterschiedlich und hängen auch davon ab, ob eine Person ein regelmäßiger oder gelegentlicher Benutzer ist. Der Konsum von weichen und harten Drogen ist mit dem Segelfliegen unvereinbar.

Auch Schlaftabletten etc. beeinflussen die Wahrnehmung und die Reaktionsgeschwindigkeit. Es kann mehrere Tage dauern, bis eine einfache Schlaftablette vollständig abklingt. Nach einer zahnärztlichen Narkose solltest du in den ersten 48 Stunden nicht (alleine, bzw. als verantwortlicher Pilot) fliegen. Nach der Einnahme von Beruhigungsmedikamenten oder neuer Einstellung mit blutdrucksenkenden Medikamenten oder starken Schmerzmitteln musst du mindestens 7 Tage warten, welche Nebenwirkungen auftreten, und kannst erst nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt wieder fliegen.

Essen und Trinken

Der enorme Einfluss von guter Ernährung und ausreichend Flüssigkeit auf die Kondition ist Ausdauersportlern schon lange bekannt. Wenn du an einem Segelflugtag nicht genug trinkst und auch nicht isst, musst du dich nicht wundern, wenn du körperlich abschlaffst. Marathonläufer trinken alle fünf Kilometer mindestens eine halbe Flasche Wasser, egal ob sie durstig sind oder nicht. Tour de France-Radfahrer, die während des Radfahrens nicht ausreichend essen und trinken, schneiden nicht nur an diesem Tag schlecht ab, sondern auch an den folgenden Tagen. Trinke und iss ausreichend während eines Segelflugtages.

Der Körper benötigt etwa 2,4 Liter Flüssigkeit pro Tag. Dies gilt für jemanden, der keine schwere körperliche Arbeit bei Raumtemperatur verrichtet. An einem sonnigen Tag reichen 2 Liter Flüssigkeit nicht aus, du solltest etwa 4 Liter trinken (über den ganzen Tag verteilt und nicht abends an der Bar). Bei einem langen Überlandflug musst du in Form bleiben und dir angewöhnen, vor, während und nach dem Flug regelmäßig zu trinken und zu essen. Trink alle 15 Minuten ein paar Schlucke, auch wenn du noch nicht durstig bist.

Abb. 2.2.5.2 Flüssigkeitsdefizit

Abb. 2.2.5.2  Flüssigkeitsdefizit (Quelle: http://www.civ.zweefportaal.nl/docs/medische_zakenbeta.pdf)

Wenn du zu wenig trinkst, kommt es zu einem Flüssigkeitsverlust von 1 - 5 % des Körpergewichts. Unter normalen Umständen würde dies ein Durstgefühl hervorrufen, aber durch die entspannte Liegeposition im Segelflugzeug tritt dieses Durstgefühl nicht so schnell auf. Was jedoch auftritt, ist ein Gefühl der Müdigkeit, Übelkeit und ein Anstieg der Temperatur. Dies wirkt sich besonders bei einem Überlandflug zu deinem Nachteil aus. In geringer Höhe steigt die Lufttemperatur im Cockpit schnell an und eine bevorstehende Landung kann ebenfalls Schweißtropfen und vermehrten Flüssigkeitsverlust verursachen.

Normalerweise benötigt ein Mensch ca. 100 ml Flüssigkeit pro Stunde. Dieser Grundbedarf ist bei warmem Wetter und beim Schwitzen deutlich höher. Eine zunehmende Dehydrierung kann zu Kopfschmerzen, Schwindel und Engegefühl in der Brust führen. Durch regelmäßiges und ausreichendes Trinken und Essen vor und während des Fluges bleibst du viel länger in Form. Reguliere auch den Abfluss von Flüssigkeiten. Verwende etwas zum Auffangen von Urin. Bewährt hat sich ein Urinkondom oder auch als Alternative eine Erwachsenenwindel.

Welche Rolle spielt regelmäßige Bewegung zur Verringerung des Risikos von Herzproblemen?

Du kannst das Risiko von Herzproblemen verringern, indem du

  • nicht rauchst, bzw. mit dem Rauchen aufhörst
  • regelmäßiges körperliches Ausdauertraining betreibst
  • abnimmst, wenn du übergewichtig bist
  • für Entspannung sorgst
  • dich gesund ernährst (mäßig fett-, salz- und süßhaltige Speisen und viel Obst und Gemüse essen)
  • Alkohol nur in geringen Mengen und mehr als 24 Stunden vor dem beabsichtigten Flug zu dir nimmst.

Warum können zu niedriger und zu hoher Blutdruck zum Verlust der Flugtauglichkeit führen?

Ein zu hoher Blutdruck kann zu Hirnblutungen führen und ein zu niedriger Blutdruck erhöht das Risiko einer Ohnmacht oder zumindest Schwindelgefühlen.

Die Auswirkungen von Fettleibigkeit (massivem Übergewicht) auf die Dekompressionskrankheit

Die Dekompressionskrankheit (Bildung von Gasblasen im Körper) wird durch einen zu schnellen Aufstieg in Höhen über 6.000 Meter verursacht. Segelflugzeugpiloten werden dem nicht oft ausgesetzt sein. Die Dekompressionskrankheit kann auch nach dem Tiefseetauchen auftreten. Wer direkt nach einem solchen Tauchgang zum Segelfliegen geht, läuft Gefahr, dass es ihn schon in geringerer Höhe erwischt. Fettleibigkeit erhöht das Risiko der Dekompressionskrankheit. 

Maßnahmen zur Vermeidung oder Behebung von Problemen aufgrund von Druckschwankungen während des Fluges

Steige nicht ohne Druckanzug oder Druckkabine, bzw. zumindest funktionierendes Sauerstoffgerät schnell in große Höhen auf. Bei Problemen sofort absteigen.

Die Hauptursachen für Störungen des Magens und des Verdauungstraktes, die Aus-wirkungen, die sie beim Fliegen haben können, sowie Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung dieser Probleme

Der Verzehr von verunreinigter Nahrung oder von verunreinigtem Trinkwasser kann häufig Magen-Darm-Probleme verursachen. du bekommst Durchfall und Blähungen. Wenn du in der Thermik aufsteigst, gelangst du in eine Umgebung mit einem niedrigeren Luftdruck. Die Gase in deinem Bauch dehnen sich noch mehr aus. Dies kann zu Bauchkrämpfen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen. Wenn der Magen und der Verdauungstrakt gestört sind, solltest du nicht fliegen. Um das Auftreten dieser Beschwerden beim Fliegen zu verhindern, solltest du für sauberes Trinkwasser sorgen.

Die schädlichen Auswirkungen des Tabakkonsums auf:

  • Das Atmungssystem
  • Herz und Blutgefäße
  • Die Fähigkeit Hypoxie und G-Kräfte zu kompensieren
  • Nachtsicht

Jeder weiß, dass Rauchen ungesund ist. Für Segelflugzeugpiloten hat das Rauchen zusätzliche Konsequenzen. Sauerstoffmangel tritt bereits in deutlich geringeren Höhen auf. Du kannst positiven und negativen G-Kräfte wesentliche schlechter kompensieren und dein Sehvermögen im Dunkeln ist erheblich schlechter. Ursache ist u. A. die Engstellung der Gefäße und damit die deutlich schlechtere Durchblutungssituation deiner Organe insbesondere des Gehirns durch das Nikotin.

Die negativen Auswirkungen von Koffein sowohl in Kaffee als auch in anderen koffeinhaltigen Getränken

Koffein kann eine beschleunigte Herzfrequenz oder sogar Herzrasen verursachen. Piloten sollten maximal drei Tassen Koffein pro Tag trinken.

Die Auswirkungen von Alkohol in Kombination mit Drogen oder Medikamenten

Alkohol in Kombination mit Drogen und Medikamenten verstärkt die gegenseitigen Nebenwirkungen. Also noch mehr Gründe, auf keinen Fall zu fliegen.

Ursachen für Übermüdung und deren Auswirkungen auf die Flugfähigkeit

Müdigkeit tritt auf nach schwerer körperlicher Arbeit, einer Nacht ohne Schlaf, zu langem Arbeiten usw. Nach einer guten Nachtruhe verschwindet die Müdigkeit. Übermüdung entsteht nach einer langen Zeit mit schlechtem Schlaf, zu harter Arbeit, unregelmäßigen Arbeits- und Ruhezeiten, Stress und so weiter. Du bist leichter reizbar und kannst dich schlechter konzentrieren. Blutdruck und Herzfrequenz sind höher als normal.

Unterschiede zwischen den Symptomen und Ursachen von vorübergehender und chronischer Übermüdung und Möglichkeiten, beide zu bewältigen

Bei chronischer Übermüdung verschwinden die Symptome der Übermüdung nicht nach einer guten Nachtruhe. du musst dich länger ausruhen, bevor du wieder fliegen solltest.

Unten siehst du eine von Graeber erstellte Grafik, die das Leistungsniveau und die Reservekapazität eines Piloten zeigt. Während des Fluges nimmt die Ermüdung zu. Siebzig Prozent aller Unfälle passieren bei der Landung. Zu diesem Zeitpunkt ist die fliegerische Beanspruchung erhöht und die Reservekapazität erniedrigt. Ein Pilot, der bereits beim Einsteigen in das Flugzeug übermüdet ist, geht bei der Landung ein zu großes Risiko ein (erhöhtes Risiko der Überlastung). 

Abb. 2.2.5.3 LeistungsniveauReservekapazität

Abb. 2.2.5.3  Leistungsniveau+Reservekapazität

Faktoren, die Müdigkeit verhindern und/oder verringern können

Gesundes Essen und Trinken, optimales/normales Gewicht, wenig Stress und ausreichend Schlaf, kein Rauchen und mäßiger Alkoholkonsum.

 

Die Unfallgefährdungszone

Abb. 2.2.5.4 Modell der Unfallgefährdungszone

Abb. 2.2.5.4  Modell der Unfallgefährdungszone